Die Hölle

Die Hölle, das sind die Anderen, hat Sartre gesagt. Ist leider so und in meiner Familie ganz besonders. Wenn du glaubst, dass wenigstens einer zu dir hält, dann kommt er im nächsten Moment um die Ecke und behauptet, ich würde mich mit dem Projekt Road to Tschenstochau an Mutter rächen wollen.

Es ist in etwa 65 Grad anders herum. Weil ich meine Mutter schützen will, schreibe ich seit Jahren nicht über dieses Thema, genauso nicht über Trollfeminismus, antisemitisches Anti-Patriarchat und durchgeknallte Mütter, die gewalttätig sind, die vergesslich sind, die für alles ihre Kinder verantwortlich machen, obwohl sie doch die Erwachsenen sind, die ihre Kinder schützen sollen, ja hätten schützen müssen. Und, wie ich sagte, das muss nichts mit dem Patriarchat zu tun haben, sondern kann aus einem schlicht ver-rückten Denken kommen, das sich im Kindbett zu einem Monster ausbreiten kann, wenn kein Zweiter da ist, der die Verhältnisse von Zeit zu Zeit zurechtrückt. Wenn Frauen im Kindbett verrückt werden – das zu schreiben habe ich mir lange verkniffen.

Das hindert mich nicht, weiterzuschreiben, obwohl heute der Artikel “Cool bleiben mit Excel” dran gewesen wäre. Hätten wir alle in Excel geschrieben, dort unsere Familiengeschichte aufgezeichnet, dann wäre die Struktur logisch, nachvollziehbar und auch transparent. So, wie wir leben – deleuzianische Dialektik. Was heute wahr ist, ist morgen vielleicht falsch. Es gibt keine neuen Regeln, die Regeln macht immer der Stärkere. Ein permanenter Kampf ums Familien-Dasein. Wenn es passt, dann wird das Patriarchat rausgeholt, wenn es sonst passt, der Feminismus. Oder es wird geschrieen.

Gerade für logisch orientierte Menschen wie mich nicht leicht zu verstehen.

Anstatt so einer Spions-Familie wünsche ich mir manchmal, meine Vorfahren wären einfach geradeaus bei der SS gewesen, dann wüsste ich, woran ich mich abarbeiten kann. Nazi-Richter, bis zum Untergang Deserteure hinrichten lassen – da weiß man, womit zu arbeiten ist.

Bei uns? Opa zur SS gegangen, als in Auschwitz die Bombardierungen anfingen. 8.11.44, da hat da der Lagerleiter gewechselt. An Zeitpunkten hält man sich fest, wenn man sonst nichts herausbekommt, nicht in der Lage ist, mehr herauszubekommen, weil man selbst die Mitarbeitenden der Gedenkstätte mit seiner durcheinanderwirbelnden Familiengeschichte abschreckt.

Die Männer haben bereut, wollten Zeugnis ablegen. Die dann vertuscht haben – die Frauen. Oma soll 1946 einen Brief zerrissen haben. Oma hatte noch zwei Schwestern. Die könnten den Brief auch noch haben. Doch wie soll ich in einer Familie, in der sich keiner kennt, in der es nur Misstrauen und daher keinen Zusammenhalt gibt, an einen der vielleicht noch existierenden anderen Briefe kommen? Ich kenne die Leute in Baden-Württemberg und Hessen, oder wo auch immer sie leben, nicht. Bei der Landtagswahl 1992 in BaWü, als 10 Prozent die Republikaner gewählt haben, hieß es, unsere Verwandten hätten da bestimmt mitgewählt. Nazis – das sind die Anderen.

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