Familie in Kairo und auf der taz

Auch andere Leute haben an den Nazi-Verbrechen ihrer Vorfahren geforscht. Im Deutschlandfunk erschien das zweiteilige Feature “Die Kairo-Decke”, das nach dem gleichnamigen Essay der Filmkuratorin Stefanie Schulte Strathaus produziert wurde. Auf dem Essay basiert der preisgekrönte Thriller “Die Experten”. Auch Schulte Strathaus sagt, ganz zu Beginn des Features, dass sie sich für diese Suche fest vorgenommen hat, alle Daten ordentlich aufzuzeichnen. Ob ihr das gelungen ist? Ich habe es nicht geschafft, beide Teile des Features ordentlich durchzuhören.

Schulte Strathaus scheint, ich bitte das nicht übel zu nehmen, aus einer eher privilegierten Position zu forschen. Und, ich sage im Zweiten gleich, warum ich diese Privilegierung als Vorteil sehe. Es scheint ihr zu gelingen, die deutsche Schuld auszublenden, indem sie in eine Begeisterung angesichts der arabischen Welt verfällt. Kurz nachdem sie mit der Suche beginnt, ist sie auch schon wieder in Kairo und lernt Hocharabisch. Man mag angesichts von so viel Energie erschrecken, ich finde das aber gut, denn nur mit Energie bekommt man was raus.

Ich habe zwischendurch auch gedacht, ich müsste für die Suche eine Fremdsprache lernen, nämlich Polnisch. Auch wäre ich sicherlich nicht auf die Idee gekommen, in einer vergleichbaren Situation Arabisch zu lernen, schließlich ist das doch die Sprache der Feinde Israels und außerdem kommt man in diesen Ländern doch mit Französisch weiter, so mein bornierter “antideutscher” Gedanke. Daran sieht man, wie zu viel Denken die Energie nimmt. Ich gratuliere Frau Schulte Strathaus zu ihrer reichen Ausbeute und werde sicherlich den Thriller oder den Essay kaufen. Ach ja: Das, was ich von meinen Großeltern geerbt habe, weil ich es habe erben wollen, ist ein Kamelsattel, den Oma und Opa von einer ihrer vielen Reisen aus Ägypten mitgebracht haben. Wer weiß, vielleicht waren sie ja auch im Geschäft mit den Nachkriegsfeinden Israels. Weiß man’s?

Die Experten. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021

ISBN 978-3-518-46997-2


Zudem ist auf der taz ein Text zu dem Ringen von Geschwistern um die Täterschaft ihres Vaters erschienen. Man muss darüber hinwegsehen, dass da Kategorien vermischt werden. Die Geschwister streiten, ob es sich bei ihrem Verwandten um einen Mörder oder um einen Mitläufer handelt. Dabei verkennt der Text, dass auch die “Mitläufer”-Kategorie für Täterschaft steht.

Das schreibe ich nicht, weil für mich alles böse ist, sondern, weil mein Opa es nicht mal in diese Kategorie geschafft hat. Er galt trotz SS-Mitgliedschaft ab 11/1944 und Schutz durch die deutsche Kriegswirtschaft – Opa, Jahrgang 1910, musste nicht an die Ostfront, weil er als Ingenieur zu wichtig für die Wirtschaft war – nicht mal als “Mitläufer”. Im April 1940 hatte er um eine NSDAP-Mitgliedschaft angesucht, die dann im Juli vollzogen wurde. Das hat ganz schön gedauert, ich nehme mal an, weil angesichts der Kriegserfolge zu der Zeit sehr viele Mitglied werden wollten.

Mein Internetfreund Bernd, seines Zeichens NSDAP-Experte, setzt hinzu, dass die NSDAP von 1933 bis 1939 einen Aufnahmestopp hatte. Als SA-Mitglied hätte mein Opa jedoch beitreten können, so Bernd. Bei dieser Organisation hatte sich Opa allerdings persönlich wieder abgemeldet, nachdem sein Vater ihn dort ungefragt angemeldet hatte, geht die Erzählung. Ob der Aufnahmestopp etwas mit dem NSDAP-Beitritt meines Opas zu tun hatte, oder ob er und seine Ende August 1939 angetraute Frau 1940 einfach dachten, jetzt muss es mit der Karriere aber mal losgehen, die Zeiten werden enger, wird sich wohl nicht mehr rausfinden lassen. Und noch eine Familienerzählung: als die beiden auf Hochzeitsreise gehen wollten, war aufgrund des Kriegsbeginns Benzin zum Luxusgut geworden.

Der taz-Text ist interessant, weil er das Ringen innerhalb der Familien transparent macht. Ich vermute, jeder nimmt im Familiensystem auch in Bezug auf den NS eine bestimmte Rolle ein. Ich habe für mich die Rolle als Beschützerin meiner Brüder identifiziert, ich muss im Zweifel den Kopf hinhalten. Das ist nicht immer leicht, aber es befriedigt mich und gibt mir Energie.

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