Das Misstrauen der Anderen

Sei einfach du selbst! Vertraue dir und den Anderen.

Was so einfach klingt, ist zurzeit für immer mehr Menschen ziemlich schwierig.

Manche sind über die Jahre paranoid geworden. Kürzlich besuchte ich einen Chat, den ich von ganz früher kenne. Die Insassen haben Angst. Sie glauben, dass ich sie beobachte und analysiere, was sie sagen und ihnen dann eine Diagnose zuschreibe. Sie denken, dass ich in ihre Köpfe schaue. Eine neoliberale Internetpsychose gottloser Idioten.

Die Schizos werden immer mehr. Und es gibt sie nicht nur im rechten Spektrum.

Freiheit statt Angst! So will ich es ihnen zurufen.

Unsere Freiheit ist durch das Misstrauen in Social Media, durch den Neoliberalismus und durch die Sorgen eingeschränkt.

Ich habe selbst Probleme, diesen Artikel zu schreiben. Mein Argument ist klar: wir haben eine Situation, in der Menschen als Nazis diffamiert werden, die eigentlich ganz andere Probleme haben. Doch wie fange ich an? Ich misstraue meinen Forschungen, weil ich Angst habe, mich in meinem Umfeld ins Aus zu schießen. Meine Forschungen sind überdies nicht wissenschaftlich unterfüttert.

Die Hass-Multitude

Zweiteres könnte ich durch Forschung an Gerichtsurteilen, psychiatrischen Gutachten, Befragungen, Twitter-Auswertungen und durch einen geeigneten Literaturapparat beseitigen. Judith Butler hat „Hass spricht“ geschrieben und ihre Theorie der Intersektionalität setzt auf die Multitude. Wie sieht sie denn aus, die Multitude des Hasses? Welche Misstrauens-Akteurinnen können wir ausmachen?

Klassische Misstrauensakteurinnen sind die Geheimdienste. Schon in den 70er Jahren begannen sie sich für die französischen Zersetzer zu interessieren, die Poststrukturalisten. Deren Entsprechung ist das Social Web. Michel Foucault hat gesagt, dass das kommende Jahrhundert ein deleuzianisches sein wird. Frei flottierende Affekte, die sich nun im Social Web zeigen. Hilflos gegenüber Manipulation und Interessen, die nicht offen kommuniziert werden.

Ein guter Ort

Da schließt sich direkt die Werbung an, und ihre Nachfolgerin, das Influencing. Kapitalistische und andere Vermarktungs-Interessen wollen wie auch die Geheimdienste nicht offen hervortreten, ansonsten wüssten alle, dass es den Kapitalisten gar nicht darum geht, unseren Planeten zu einem besseren Ort zu machen, sondern um das Geldverdienen. Auf diesen Aspekt hat Harry Frankfurt in seinem Essay „On Bullshit“ den Focus gelegt.

Am meisten interessiere ihn dabei derjenige Bullshit, der im öffentlichen Leben sichtbar werde, besonders in der Werbung und in der Öffentlichkeitsarbeit, etwa von Parteien und Politikern, wobei Werbung, PR und Politik heute sehr nahe benachbart seien, so die Wikipedia. Bullshit werde unvermeidlich dann hervorgebracht, wenn Menschen gezwungen seien oder auch nur Gelegenheit erhalten, über Dinge zu sprechen, von denen sie nicht genug verstehen. Im öffentlichen Leben sei dies leider sehr oft der Fall.

Bullshit prüft das Argument nicht

Das Private politisch zu machen, und damit an die Öffentlichkeit zu zerren, bringt nach Frankfurt also zwangsläufig Bullshit hervor. Auch die Piratenpartei war nach Frankfurt eine Bullshit-Partei. Die vielen Meinungen im Social Web – Bullshit. Nicht zu einer Fachberatungsstelle zu gehen, sondern seine Beschädigungen im Social Web auszuagieren: der einzige Bullshit. Politik der ersten Person: Bullshit, denn, so kränkend die Erkenntnis ist, niemand von uns ist wirklich Herr im eigenen Haus. Bullshit fördert das Misstrauen, denn Bullshit ist wahnsinnig, weil er unvernünftig ist, nicht stringent. Bullshit hat das Argument nicht abschließend geprüft.

Wir haben neben den Geheimdiensten, die nun mal da sind und uns nicht weiter besorgen müssen, also auch den Werbungs-Bullshit, den neoliberalen Bullshit – und natürlich viel Wahnsinn im Social Web. Untherapierte, die sich dort ausagieren, die sich nicht zusammenreißen und andere verachtend ansprechen, weil sie selber die Verachtung in sich tragen. Oder die Gewalt.

Gewaltopfer oder Nazi?

Opfer von Gewalt, ich habe es die letzten Jahre selber ausprobieren dürfen, neigen dazu, emotional instabil zu reagieren und sich bei Triggern an die frühere Gewalt, die Abwertungen und den Frust erinnern zu lassen. Das sieht von Außen dann fast wie ein Nazi aus. Drinnen ist aber weder ein Nazi, noch geht von der Person eine Offline-Gefahr aus, von der man sich beunruhigen lassen muss.

Weiterhin gibt es keine belastbaren Studien zur Medienwirkung, wie es uns die Befürworterinnen von „Hass im Netz“ Kampagnen weismachen wollen. Bullshit.

Medienwirkungsforschung ist Wissenschaft

Während die Gewaltforschung nicht davon ausgeht, dass das Spielen von Killerspielen dazu führt, dass man auch andere Leute „killt“, während die Medienwirkungsforschung weiterhin keinen Beleg dafür gefunden hat, dass Pornokonsum zu sexueller Gewalt führt und Bushido anhören zu einem kriminellen Lebensstil, ist es im öffentlichen Diskurs Usus geworden, aus politisch extremistisch erscheinenden Äußerungen im Social Web eine gestiegene Gefahr für die Demokratie abzuleiten. Dass sich die Menschen hier ausagieren und möglicherweise sogar durch diese Äußerungen weniger gewalttätig werden, wird zudem von den Einfachdenkerinnen, den Kampagnenmacherinnen, den Hass-im-Netz-Aktivistinnen kaum in Erwägung gezogen. Wer sonst lautstark nach der Wissenschaft ruft, sollte sie auch in der Medienwirkungsforschung wichtig nehmen.

Das Abstoßende an dieser Situation: viele in den Parteien machen mit, weil ihnen der unwissenschaftliche Bullshit, den sie verbreiten, nützt, Spaß macht und Selbstvergewisserung bringt.

Verfassungsrechtliche Situation

Sie lieben die Angst, viele Deutsche haben einen NS-Fetisch – mitgemeint sind hier auch jene, die sich bei Twitter als Kommunistinnen bzw. Antifa der damaligen Zeit lesen lassen – und einige glauben tatsächlich, dass ein Viertes Reich bevorsteht. Dass die verfassungsrechtliche Situation in Deutschland heute eine grundlegend andere als 1933 ist, darüber wird von den Parteien nicht aufgeklärt. Obwohl sie nach dem Parteiengesetz die Aufgabe der politischen Willens-Bildung haben. Schauen wir auf den Begriff und heideggern ein bisschen rum, dann könnte man ableiten, dass sie auch den Auftrag der politischen Bildung haben.

Den nehmen sie jedoch ganz offensichtlich dort nicht ernst, wo es um ihre Marktanteile geht. So wie es Harry Frankfurt sagt. Bullshit. Meine Partei profitiert von der AfD, setzen wir den Elefanten im Raum doch mal auf die Anklagebank. Wie langweilig wäre es, wenn man sich an den grauen Herren von der AfD nicht mehr abarbeiten könnte, um sich selbst als bunt und liquide zu erhöhen – und wie langweilig wäre es erst, wenn man nicht mehr im Social Web die 30er Jahre nachspielen könnte.

Vertrauen statt Bullshit

Wir sind alle geile Aktivisti, die Nazis verprügeln. Ganzen Tag Faschismus bekämpfen. Fuck yeah, das ist viel interessanter, als zu sagen, ich bin Mitarbeiter der SPD, von ver.di oder der Grünen-Bundestagsfraktion.

Wir leben in ernsten Zeiten, es wird in diesem Winter kalt und ungemütlich werden. Eine Rückkehr zu ernsten Themen ist angebracht. Wer die Demokratie liebt, hasst den Bullshit. Und hört auf, diesen zu produzieren.

Damit Vertrauen wieder möglich wird. Es ist höchste Zeit.

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