Wir totalitären Verhörer

Der Neoliberalismus ist misstrauisch, er kontrolliert, zeichnet auf, in Exceltabellen und mit Fehlerlisten. Das Schlechte wird offenbar und ins Licht gezerrt, das Gute im Dunkeln sieht man nicht. Stärkenorientierung und Vielfalt sind trotz vieler Lippenbekenntnisse bei weitem noch nicht überall realisiert. Da kann man noch so viele Regenbogenfahnen an Institutionen aufhängen, wenn es bei einem Abfeiern außen sichtbarer Vielfalt bleibt, dann reicht das nicht aus und ist auch keine gesellschaftliche Transformation, so sehr ich den Lesben, Schwulen und Transen ihren freien Sex gönne.

Ich will meinen auch gegönnt haben. Da bin ich überkritisch.

Die Misstrauensgesellschaft meckert, sucht das Schlechte, trägt ihre Traumata ans Licht und ruft sie immer wieder auf. Sie sucht das Haar in der ansonsten leckeren Suppe und vergeht vor Ekel. Die Misstrauensgesellschaft ist autistisch, sie fokussiert die Kleinigkeiten, sie ist traumatisiert, getriggert. Das große Ganze geht in der Misstrauensgesellschaft verloren. Die Misstrauensgesellschaft denkt Schwarz-Weiß, wer nicht für mich ist, der ist gegen mich.

Selbst jene, die sich eigentlich einig sind, können sich in der Misstrauensgesellschaft wundervoll zerstreiten. Sie ist das Gegenteil der Liebesgesellschaft, in der sich jene, die sich uneinig sind, unwahrscheinlicherweise doch verstehen können, und das, ohne sich einig zu sein.

Niklas Luhmann. Ich treffe mich mit Karla in Düsseldorf. Sie hat mir für die Trollforschung das Buch „On Bullshit“ empfohlen und dann noch von Luhmann die „Liebe als Passion“. Ich habe das Buch von Luhmann bereits gelesen, nämlich für den Vergewaltigungsworkshop beim Congress des Chaos Computer Clubs im Jahre 2012. Verstanden habe ich es natürlich nicht. Luhmann schreibt da über Liebesbriefe von Franzosen und Engländern, habe ich gedacht.

Auf Wikipedia verstehen wir, dass Liebe und Hass, oder eben das Misstrauen, zwei Seiten derselben Medaille sind. Stelle ich mir diese Gefühle als Wahrheitstafel vor, dann ergibt die Schaltung „Liebe“ immer 1, die Lampe leuchtet immer, das Licht der Wahrheit. Die Misstrauenslampe ist immer dunkel wie der Hass, selbst, wenn alle Schalter auf 1 geschaltet sind. So können wir uns das tagtägliche Leben als fragile Aktivisti auf Twitter vorstellen. Wir haben euch was mitgebracht, Hass Hass Hass. Alles frustriert und macht Sorgen, weil das Leben einfach nicht perfekt wird.

Mit einem Klick lässt sich auf der Wikipedia auch verstehen, dass es vielfältige Formen des Hasses gibt. Kann mir keine sagen, dass das zu kompliziert ist.

Frank Rieger vom Chaos Computer Club hat einst gefordert, Social Media zu zerschlagen, weil diese zerstörerischen Strukturen nur Fragen aufwerfen, aber keine Antworten geben. Wir sind uns gegenseitig zum totalitären Verhörer geworden, immer gibt es eine zusätzliche Volte, nie ist es mit dem Fragen genug.

Die Wissenschaft sucht neue Fragen und das ist gut so. Wir brauchen Antworten, um vertrauen zu können. Ich wünsche den, meinen Grünen einen schönen Parteitag, das Motto “Wenn unsere Welt in Frage steht: Antworten” ist gut gewählt.

Leave a Reply