Arbeitslosigkeitsgarantie Rape

Wir wurden alle motiviert mitzumachen. Wir Opfer, mir ist es beim Sport passiert, wir Opfer sind leicht zu beeinflussen, weswegen wir erst Opfer geworden sind. Wieder und wieder schreiben wir unser Opfer-sein, indem wir in Internetzeiten ausgesprochen haben, dass wir vergewaltigt wurden.

Ich habe versucht, es richtig zu machen, doch für uns gibt es kaum etwas, vielleicht nichts, richtig zu machen. Den Fame für den Mut, unser beschämendes Leid auszusprechen, den Fame holen sich andere, unbeschädigte Frauen ab. Die viele Arbeit, die jahrelangen, vorsichtigen und paranoid machenden Recherchen, die haben wir für die Tessas gemacht, Tessa Bücker, Tessa Reintke, Tessa Ganserer. Weiße Oberschichtsladies profitieren von den Verdammten dieser Erde. Das hat Slavoj Zizek schon vor langem gesagt und so ist es leider auch.

Ich habe sogar einen eigenen Feminismus erfunden, einen aktiven Feminismus, einen starken Feminismus, dennoch werde ich einsortiert, einsortiert in die Netzaktivistinnen-Ecke, in die Ecke der sich nie Verbessernden, der ewig in ihren Problemen festgebundenen. Und eh eine Netzaktivistin vorbeikommt und meint, ich würde die Netzaktivistinnen nicht respektieren: ja, ich geh davon aus, dass es in netzfeministischen Kreisen, im Ausland habe ich es mitbekommen, Kräfte gibt, die es am liebsten sähen, wenn Vergewaltigungsopfer ihr Trauma offen halten, damit sie besser als Material für die antipatriarchale Revolution dienen können.

Das Label regiert.

Auch Personalerinnen und Personaler scheinen Menschen zu sein, die gerne mit Labels um sich werfen, weil sie diese in ihre Tabellen eintragen können, um das Personal im 90er-Jahre-Stil einzukategorisieren und Fehler möglichst fehlerfrei aufzuzeichnen. Worte wie “Respekt”, “Diversity” und “Wertschätzung” werden herumgeworfen, um Modernität zu kommunizieren und der Belegschaft außerdem noch mehr Möglichkeiten bereitzustellen, gegen Regeln zu verstoßen.

Synthese. Wenn mich nun ein fiktiver Personaler fröhlich bei Xing anschreibt, um Sport-Tipps zu erhalten oder um zu flirten, dann erkläre ich erst einmal freundlich und nur leicht zurückhaltend Dinge zum Sport, in welchen Verein man hier in der Nähe von Hamburg gehen kann. “Und, bist du noch aktiv?” heißt es dann auffordernd. “Ich bin aufgrund ärgerlicher Umstände nicht mehr aktiv”. Das weitere Gespräch ist dann für mich üblicherweise sinnlos, ich bin ja schließlich keine Aktivistin, sondern eine potenzielle Arbeitnehmerin.

Ein unnützes Gespräch, denn eine Arbeit gibt mir das Gegenüber aus statistischen Gründen eh nicht mehr. Eine schöne Abwechslung, wenn es sich dabei um wen mit Lebenserfahrung handelt. Aber auch dann: Wenn die Menschen das Erlebte zu erfahren meinen, dann wenden sie sich mit Erschrecken ab. Das Gespräch wird zäh, man wird als psychisch krank kategorisiert, ausgesondert, ins Schweigen verfrachtet, obwohl man sich noch gar nicht paradox verhalten hat. Man bekommt das Label einfach angeheftet.

Wenn das Gegenüber ein buchstäblicher Karrierist ohne Empathie ist, dann wird es unangenehm. Vor allem für das Gegenüber, das zu klagen beginnt, ich sei trocken oder unfreundlich.

Und auch für mich. Denn mir fehlt noch der Theorieapparat, um meine eigene Person abschließend verstehen zu können, so dass ich Missverständnisse nicht auf das Patriarchat oder den Kapitalismus beziehe, sondern auf die Unwissenheit des Gegenübers, die ich natürlich insbesondere bei Personalern nicht aussprechen sollte, sowie auf meine eventuell zu voraussetzungsreiche Argumentation.

An sich könnte ich auch n Nacktfoto schicken oder schreiend tanzen, das Gespräch ist an dem Punkt sinnlos geworden, an dem deutlich wurde, dass Sport eben auch Seelenmord ist und nicht nur wichtiges Scharnier, um die Gesellschaft zusammenzuhalten und ehrenamtliche Arbeit zu fundieren.

Sport ist gut für die Karriere, Vergewaltigung hingegen schlecht. Trotz Metoo wird in den Personalabteilungen gnadenlos aussortiert, wenn sich solche “Frauenprobleme” ergeben. Trotz Frauen-Beauftragten und Diversity ändert sich in dieser Sache offenbar nicht viel. Und vielleicht wird es mit den Ladies für Opfer sogar noch schwieriger. Ich habe keine Zeit bekommen, als ich Schlimmes herausfand, meine Verunsicherung schien für meine Vorgesetzten gar ein nützlicher zusätzlicher Hebel zu sein, um mich zu entfernen. Wir sind eben alle Material und vergewaltigte Menschen sind statistisch nun mal vulnerabler.

Die Personalerin weiß: die Statistik muss stimmen. Hinfort mit diesem beschädigten Material! Da wird schon ein Defekt vorliegen, sie ist selbst schuld, immerhin wurde die Person ja vergewaltigt und ich (erfolgreiche Personalerin) ja nun mal nicht.

Leistung lohnt sich nicht und Hilfsbereitschaft in diesen Zeiten schon gar nicht. Hilfsbereitschaft zeigt an, dass man ein Opfer ist und sich ausnutzen lässt.

In den heutigen Zeiten geht Hilfsbereitschaft nur als Performance. Narzissmus, verwandt mit der Borderline-Erkrankung, scheint zur Norm zu werden. Wer aus sich selbst heraus hilfsbereit ist, also nicht über das Getane spricht, wer seine Hilfsbereitschaft nicht als Label für seine Karriere nutzt, ist ein Idiot und gehört daher beim Aufstieg nicht unterstützt. Hilfsbereitschaft muss wie Charity sorgfältig durchdacht werden und darf keinesfalls spontan, aus sich selbst heraus stattfinden.

Hilfsbereitschaft in Richtung der falschen Person hat mich meinen Job gekostet. Ohne Witz. Manchmal denke ich, ich sollte aufhören, alle Menschen gleich anzusehen, ich sollte Vorurteile nutzen, um meine Welt zu strukturieren.

Apropos Hilfsbereitschaft. Vor langer Zeit hatte ich einen Buchtroll. Er hat sich meine Adresse besorgt – ich weiß nicht, woher – und mir regelmäßig Bücher eingesendet. Richtige, haptische Bücher zum Lesen. Toll ausgesucht. Als er mir zum Beispiel “Der Schwarze Garten” von Malgorszata Szejnert eingeschickt hatte, ließ ich mich davon so sehr beeinflussen, dass ich sofort ins Oberschlesische Kohlerevier flog und dort ein wenig spazieren ging. So fort! Su bi to! Ich bin eben manipulierbar.

Das letzte Buch, irgendwas mit spanischem Kommunismus, ich weiß es nicht, ich habe es nicht gelesen, war, wie jede der Einsendungen der späteren Zeit, mit einem Spruch versehen. Sinngemäß stand da, dass in unseren heutigen Neoliberalismus die Hilfsbereiten zu Verlierern werden. Darüber habe ich viel nachgedacht und jetzt habe ich das auch am eigenen Leibe bewusst erlebt. Früher habe ich mich einfach nur gewundert.

Gewinner sind dann wohl die Petzen, die Geheimdienster und die Datensammler. Für mein Leben stimmt das: Ich wurde angeschwärzt und das Anschwärzen wurde von den Vorgesetzten belohnt. So panoptisch ist das wohl wirklich bei der Arbeit, wer hätte das denn wissen können?

Mit Foucault gesagt: ich hätte es wissen können, was da bei der Arbeit passieren wird. Aber ich finde es falsch, in einem solch egoistischen und selbstdarstellerischen Umfeld erfolgreich zu sein. Ich bin und bleibe ein hilfsbereiter Mensch, der auch jenen hilft, die nicht auf meiner Seite sind. Alles andere wäre nur Show.

Moral: Eine nachhaltige Zukunft gibt den Opfern einen Ausgleich und lässt ihre Weisheit sprechen, anstatt sie neoliberal zum Schweigen zu bringen. Ich bin nicht dein Paria.

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