Der Krieg gegen Dich

Und der Krieg, der jetzt durch die Länder geht, das ist der Krieg gegen dich, Prolet!

So kann man es bei Ernst Busch nachhören. Ich kenne die Geschichte fast nur durch solche Remixe vermittelt, so wie eben in diesem Video, das postmoderne und moderne Zeiten kombiniert.

In queeren und diversen Zeiten wie diesen gewinnen bisher unsichtbare Diskriminierungen an Bedeutung. Auch in der Erinnerungskultur: ein neuer Verband wird sich am kommenden Wochenende (21./22.1.) gründen. Es geht um die Anerkennung von Opfergruppen, die bisher als schmutzig und aussätzig gelabelt waren: jene, die von den Nazis mit dem grünen oder dem schwarzen Winkel gezeichnet wurden.

Spezialisiert auf die Opfer mit dem grünen und dem schwarzen Winkel war das KZ Flossenbürg in Bayern, das viele Außenlager hatte, auch in Königsstein in der sächsischen Schweiz, wo einige meiner Vorfahren lebten.

Geborene Versager

Die Verfolgung der als “asozial” und “kriminell” gelabelten Menschen wird fortan als “sozialrassistisch” bezeichnet, ein Begriff, an den ich mich erst mal gewöhnen musste, der aber auf den zweiten Blick sehr gut passt: denn die Nazis behaupteten, dass Kriminalität und Arbeitslosigkeit in den Genen stecken würde.

Daher verbrachten sie straffällig gewordene oder auch nur störende Menschen in Arbeitslager, um sie der Gesellschaft zu entziehen und letztlich durch Arbeit zu vernichten.

Die schreckliche Geschichte wird in diesem Artikel in der taz von Klaus Hillenbrand plastisch.

Die Opfer wurden lange nicht anerkannt, weil man sich dachte, sie hätten ihre Strafe sicherlich verdient gehabt. Bis man irgendwo in Westdeutschland eines Tages auf den Gedanken kam: Kein Mensch hat es verdient, im KZ zu sein.

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Doch für viele damals und auch heute in unseren neoliberalen Zeiten nicht immer verständlich. Das zu ändern hat sich der neue Verband auf die Fahnen geschrieben. Und ich mache, da ich darf, sehr gerne mit.

Um die Verbindung von Arbeit und Arbeitslager noch plastischer zu machen, weil ich schon lange zum Thema NS-Kriegswirtschaft und den Arbeitsbegriff nachdenke, weil Verwandte von mir in der Nähe eines Außenlagers von Flossenbürg wohnten – und nicht zuletzt, weil ich einen Verwandten habe, der eine Zeit lang im KZ Sachsenhausen inhaftiert war.

Seeliger in Sachsenhausen

Nur für ein paar Monate im Jahr 1944. Er hieß Alfred Seeliger und hat sich im Winter 1945/46 in Berlin-Erkner vor einen Zug geworfen.

Es bewegte mich, warum er in ein KZ gebracht worden war. Vielleicht war er rothaarig gewesen? Bestimmt hatte er im Alkoholrausch den Glauben an Hitlers Krieg geleugnet, dachte ich. Ob er von den Nazis als asozial eingestuft worden war? War er vielleicht homosexuell?

In Sachsenhausen, das ist am Rande von Berlin bei Oranienburg, schaute ich mir zuerst die Ausstellung an und betrachtete die Winkel. Welcher mochte zu meinem Verwandten gehören? Dann, ein Schild: Bibliothek und Archiv. Ob sie etwas über meinen Verwandten wüssten? Schüchtern klopfte ich an.

Bestimmt nur ein Querulant

“Schutzhäftling Deutsches Reich. Das heißt, Ihr Verwandter war so gefährlich, dass das Deutsche Reich vor ihm geschützt werden musste.” Roter Winkel, sagte die Archivarin. Doch so richtig konnte ich diesen Elitestatus nicht glauben. Ich, Familie Seeliger, das ist doch nichts als deutsch-polnische Unterschicht, so kannte ich es aus meiner gespaltenen Familie. Was mochte dieser Mensch schon politisch gewesen sein, bestimmt war er nur ein Querulant.

“Fragen Sie beim Russischen Militärarchiv Moskau oder dem Holocaust Memorial Washington”, gab mir die Archivarin noch mit auf den Weg.

Und, halt, wie konnte es sein, dass mein Verwandter nach ein paar Monaten im Jahr 1944 aus einem KZ wieder “entlassen” wurde, fragte ich beim Gehen. Die Archivarin blickte mich an und sagte geheimnisvoll:

“Es gab alles.”

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